Altern als Aufgabe Programm

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Altern als Aufgabe

Interdisziplinäre Perspektiven auf die Imperative und die soziale Wirklichkeit des Alterns

Tagung, 7. März, 14:00 Uhr, bis 9. März 2018, 13:00 Uhr, Heidelberg

Tagungsort: Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg, Im Neuenheimer Feld 130, 69120 Heidelberg (Panel 8: Alte Aula der Universität Heidelberg, Grabengasse 1, 69117 Heidelberg).

Veranstalter: DFG-Netzwerk „Altern als Selbstverwirklichung“ (Prof. Dr. Silke van Dyk, PD Dr. Thorsten Moos, Dr. Christian Mulia, Prof. Dr. Saskia Nagel, Dr. Larissa Pfaller, Dr. Christoph Rott, PD Dr. Magnus Schlette), in Kooperation mit dem Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg

 

1                   Werde du selbst!
Altern als Individuierungsaufgabe

Zu den grundlegenden und tiefgreifenden sozialen Deutungsmustern moderner Gesellschaften zählt die Idee der Selbstbestimmung, die auch erheblichen Einfluss auf die Entwicklung von Alterungsprozessen nimmt. Wie das geschieht, lässt sich aus einer identitäts- und biografietheoretischen Perspektive rekonstruieren: Individuierung im Sinne der Auswahl und Realisierung von Lebensoptionen, durch die Menschen als einmalige Persönlichkeiten hervortreten, stellte an die alternden Menschen immer schon lebensphasenspezifische Bewährungsanforderungen. In den modernen westlichen Gesellschaften geraten Individuierungsprozesse dabei aber unter zunehmenden Individualisierungsdruck. Er beruht darauf, dass die Verbindlichkeit kollektiv geteilter Wertorientierungen zugunsten von Imperativen der individuellen Abwägung von Alternativen der Lebensführung abnimmt. Die Individualisierung von Individuierungsprozessen führt zu einem Zuwachs an Handlungsoptionen, zu einer Dramatisierung lebenspraktischer Entscheidungssituationen und zu größeren Verpflichtungserwartungen an den einzelnen, getroffene Entscheidungen zu begründen, und damit zu einer gesteigerten Bewusstheit des Einzelnen von seiner Verantwortung für die eigene Lebensgeschichte. Werde du selbst!: Der moderne Imperativ der Selbstbestimmung entfaltet durch die kulturelle Pfadabhängigkeit moderner Gesellschaften eine starke Anziehungskraft auf die Individuen, seine Erfüllung wird aber durch soziokulturelle Rahmenbedingungen in ganz unterschiedlicher Weise begünstigt oder erschwert. Zudem ist kontrovers zu diskutieren, inwiefern der Imperativ „Werde du selbst!“ nicht nur an gesellschaftlichen Rahmenbedingungen scheitert, sondern grundsätzlicher an der basalen Annahme eines (mehr oder weniger) kohärenten Selbst, das im Lebensverlauf im Sinne einer Vollendung zu sich selber wird bzw. werden kann. Der damit angenommene Identitätskern könnte sich als hoch fragil verweisen, die Aufgabe „Werde du selbst!“ als konstitutiv unmögliches Projekt, dessen Bezugspunkt selbst hochgradig fluide ist.

Aus philosophischer und pädagogischer Perspektive soll der Frage nachgegangen werden, welche Selbst- wie Fremdwahrnehmungen sich im Bewusstsein der alternden Akteure einstellen, welche prudentiellen Erwägungen der alternsspezifischen Reflexion des Selbstbestimmungs- und Selbstwerdungsimperativs förderlich sind und wie lernförderliche Umgebungen auszusehen vermögen. Kritisch gespiegelt werden diese Perspektiven durch subjektivierungstheoretische und identitätskritische Einwände und Fragen.

Philosophie Magnus Schlette
Pädagogik Julia Franz
Soziologie Daniel Wrana (angefragt)

 


2                   Steigere dich!
Altern als Optimierungsaufgabe

Alternde Menschen sind nicht nur mit höchst widersprüchlichen Imperativen der Selbstwerdung im Alternsprozess bei gleichzeitigem Nicht-Altern („Bleib jung!“) konfrontiert, sie sind zudem Adressaten/-innen von Imperativen der Selbstverwirklichung, die strikt auf die Optimierung und Steigerung des Selbst zielen – und damit eher auf permanente Selbstveränderung denn auf Selbstwerdung. Imperative der aktiven Sorge um die eigenen physischen und mentalen Fähigkeiten schlagen sich in Präskriptionen unterschiedlichster Art nieder, wobei die kontinuierliche Sorge um neuronale Prozesse von zentraler Bedeutung ist. Selbstoptimiertes Altern wird als erfolgreiches Altern attribuiert und wirft zahlreiche brisante, kontrovers diskutierte Fragen auf: Es stellt sich die Frage, wo optimierende Praktiken der Selbstvervollkommnung Ausdruck eines selbstbestimmten Alterns sind, das sich einem biomedizinischen Determinismus entledigt und wo wir es mit Disziplinierungsprozessen im Kontext von Effizienz- und Ökonomisierungsdenken zu tun haben. Was wird von wem erwartet und wie werden diese Erwartungen vermittelt? Es ist zu untersuchen, wer zwischen Gegebenem und Gestaltbarem unterscheidet – was ist zu verändern, was zu optimieren? In Bezug auf Lebensqualität muss man fragen, wann und für wen Selbstoptimierung der Lebensqualität zuträglich und wann erzeugt sie genau das Gegenteil? Wie hängen Optimierungsimperative und Imperative eines produktiven Alterns zusammen? Diese Fragen werden im Rahmen des interdisziplinär zusammengesetzten Panels unterschiedlich beantwortet und in einer moderierten Kontroverse erörtert.

Bioethik Bettina Schöne-Seifert
Soziologie Projektbericht
Soziologie Stefan Lessenich
Ethik Saskia Nagel

 

3                   Bleib jung!
Von der Aufgabe, nicht zu altern (öffentlich; als „Marsilius Kolleg kontrovers“)

Unter dem Schlagwort Anti-Aging summieren sich die unterschiedlichsten Praktiken und Anwendungen. Einerseits versucht die Anti-Aging-Medizin, biogerontologische und biomedizinische Erkenntnisse zur Prävention, frühen Diagnose oder Behandlung von altersbedingten Krankheiten und Beschwerden zu nutzen. Andererseits bietet eine florierende Anti-Aging-Industrie zahlreiche Produkte vor allem zur Erhaltung eines jugendlichen Erscheinungsbildes an und vermittelt so anscheinend Wege zur Ermächtigung wider das biologische Diktat. Das Panel thematisiert mit Vertretern aus der Praxis, der Soziologie und der Theologie die Kontroversen, die um das Anti-Aging in der Medizin, den Geisteswissenschaften und in den öffentlichen Medien geführt werden. Die Sprecher diskutieren Fragestellungen zu natürlichem vs. unnatürlichem Altern und zur Kommerzialisierung, um zu ergründen, was sich hinter der Faszination am Anti-Aging verbirgt.

Anti-Ageing-Medizin Alfred Wolf
Soziologie Mone Spindler
Gerontologie Heinz Rüegger
Geschichtswissenschaft Heiko Stoff


4          Bleib gesund!
Alter zwischen „normal“ und „pathologisch“

Gesund altern ist nicht nur ein wohl universaler Wunsch; es ist auch ein normatives wissenschaftliches Konzept. So unterscheidet die Neurobiologie zwischen „gesundem“ und „pathologischem“ Altern des Gehirns. Diese Unterscheidung ist voraussetzungsreich. Inwieweit enthält sie Vorstellungen guten Alters, inwieweit ruht sie lediglich auf statistischen Berechnungen, inwieweit enthalten diese ihrerseits wiederum normative Prämissen? Das Panel untersucht Vorstellungen von Normalität und pathologischer Abweichung im Altern aus medizinphilosophischer und ethischer Perspektive. An dieser Stelle ist auch das kritische Verhältnis zum Begriff der Normalität interessant, wie es seit jeher in den Disability Studies gepflegt, aber in aller Regel nicht auf das Alter ausgezogen wird. So ist auch die Intersektionalität von „Alter“ und „Behinderung“, also die Kopplung von diesbezüglichen Diskriminierungsformen, ein weithin unbeackertes Feld. In Annäherung daran wird gefragt, was aus der Normalitätskritik der Disability Studies für die Betrachtung des Alterns zu lernen ist.

Medizin-/Naturphilosophie Hans-Jörg Ehni
Disability Studies Anne Waldschmidt
Theologische Ethik Thorsten Moos

 

5                   Ich bin nicht alt.
Technologien, Normen und Erfahrungen der Alterslosigkeit

Die normative Substruktur des Alterns besteht nicht nur aus expliziten Alternsaufgaben. Sie ist auch dort noch wirksam, wo das Altern nicht sein soll oder nicht thematisch ist. Tatsächlich begegnet die Frage der Alterslosigkeit in ganz unterschiedlichen Kontexten: als technologisches Programm, als soziale (Bezugs-)Norm sowie als lebensweltliches Phänomen. Transhumanistische Programme arbeiten auf eine technologische Überwindung des Alterns hin; Philosophie, Human- und Sozialwissenschaften thematisieren mit starker Ausstrahlungskraft in gesellschaftliche Debatten „den Menschen“ als alterslos und setzen dabei implizit die Norm eines mittleren Alters voraus. Die empirische Forschung offenbart wiederum, dass viele Menschen sich auch im siebten, achten oder neunten Lebensjahrzeit als weitgehend alterslos und in der Kontinuität des Erwachsenenlebens stehend erleben. Das Panel bringt diese Perspektiven, Normen und Erfahrungen der Alterslosigkeit ins kontroverse Gespräch miteinander.

Philosophie Stefan Sorgner
Soziologie Silke van Dyk
Psychologie Hans-Werner Wahl

 


6         Soziale Ungleichheit im Alter

Die gesellschaftlichen Imperative eines aktiven, produktiven, gesunden und optimierten Alter(n)s sind auf dem sozialen Auge blind – wachsende Ungleichheiten in der Ausstattung mit finanziellen, gesundheitlichen und Bildungsressourcen spielen in der gesellschaftlichen Neuverhandlung des höheren Lebensalters kaum eine Rolle. Eine privilegierte Minderheit materiell wohl ausgestatteter, gut gebildeter Senioren/-innen wird zum Maßstab einer anerkannten Altersaktivität erkoren, den die mit weniger ökonomischem und kulturellem Kapital gesegneten Älteren nur verfehlen können. Die Keynote adressiert die sozialen Spaltungslinien im höheren Lebensalter, debattiert die wachsende Ungleichheit der Lebenserwartungen und fragt nach Perspektiven einer solidarischen Alter(n)swelt.

Politikwissenschaft Christoph Butterwegge

 

7         Beiträge von Nachwuchswissenschaftlern/-innen
(Call for Contributions)

Die Tagung bietet jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern (Doktoranden/-innen, aber auch Postdocs und anderen interessierten Forschenden) die Gelegenheit, ihre Arbeiten vorzustellen. Gesucht sind Forschungsprojekte aller Disziplinen, die sich mit Imperativen des Alterns – sozialen Normen, Erwartungen bzw. Zielvorgaben an alternde Menschen – im Horizont der sozialen Wirklichkeit des Alterns befassen. Für die Vorstellung dieser Projekte sind zwei Sektionen vorgesehen, in denen die Forschungsansätze und -ergebnisse vor allen Teilnehmenden der Tagung vorgestellt und diskutiert werden. Eine Teilnahme an der gesamten Tagung wird erwartet.

Weitere Informationen und Bewerbung

 

8         Bleib empfänglich!
Altern zwischen Resonanz und Vulnerabilität

Gerontologie Andreas Kruse
Soziologie Hartmut Rosa

 

9                   Lass los!
Hochaltrigkeit zwischen Vollendung und Depersonalisierung

Das hohe Alter ist Gegenstand widersprüchlicher Projektionen. Auf der einen Seite steht der Gedanke einer „Lebenssattheit“ des Alters, in dem sich das Leben in einer versöhnten Weise rundet und vollendet. Auf der anderen Seite wird alle Negativität des Altseins auf das hohe Alter projiziert, um das „gute“ dritte Lebensalter hiervon freizuhalten. Hochaltrigkeit erscheint dann als Phase hochgradiger Abhängigkeit, als Versagen der Selbstbestimmung bis hin zum Verlust von Würde und Personalität. Alternsbezogene Wünsche und Befürchtungen sind somit in kulturellen Bildern der Hochaltrigkeit in zugespitzter Weise repräsentiert. Entsprechende Spannungen zeigen sich in Praktiken des Umgangs mit hochaltrigen Menschen, denen zuweilen achtungsvolles Interesse entgegengebracht wird, die oftmals aber gar nicht mehr als Subjekte adressiert werden, sondern lediglich noch als Objekte der Versorgung in den Blick kommen. Die in den übrigen Panels diskutierten Imperative, Aufgaben und Wirklichkeiten des Alterns erscheinen hier mithin in spezifischer Brechung. Was etwa heißt Selbstverwirklichung im hohen Alter? Aus dem Blickwinkel der Pflegewissenschaften ist zu erörtern, in welchen Formen Autonomie in Abhängigkeitsverhältnissen bewahrt bzw. wiedergewonnen werden kann. In theologisch-philosophischer Perspektive stellt sich wiederum die Frage, wie biografische Brüche und Kontingenzerfahrungen angesichts verrinnender Lebenszeit in das eigene Selbstkonzept integrierbar sind, und wie diese sich zu einem Imperativ der Vollendung der eigenen Biographie verhalten.

Theologie Hans-Martin Rieger
Sozialgerontologie Josefine Heusinger
Kulturanthropologie Harm-Peer Zimmermann

 


10          Bring dich ein!
Partizipation und Produktivität als Alternsaufgaben

Eine Gesellschaft des langen Lebens fordert zu einer Neujustierung der sozialen Sicherungs- und Unterstützungssysteme heraus (Rente, Gesundheit, Pflege und Wohnen). Infolge dessen sehen sich die Älteren einem charakteristischen Spannungsverhältnis ausgesetzt: Ihr eigenes Interesse an der Mitgestaltung des sozialen Lebens trifft auf eine zunehmende sozialpolitische Aktivierung und Inanspruchnahme. Am Beispiel der ‚Sorgenden Gemeinschaft‘, die im siebten Altenbericht (2016) als zivilgesellschaftliches Leitbild ausgegeben wird, sollen diese Ambivalenzfelder aus pflege- und sozialwissenschaftlicher Perspektive ausgelotet werden: zwischen Selbstverwirklichungsansprüchen und Responsibilisierungsimperativen, Subsidiaritätsdenken und dem Abbau wohlfahrtstaatlicher Strukturen, Solidarität und der Verfestigung von sozialer Ungleichheit.

Pflegewissenschaften Thomas Klie
Soziologie Tine Haubner
Volkswirtschaftslehre Bettina Hollstein