„Anthropologie der Wahrnehmung II: Die Intersubjektivität der Wahrnehmung“

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Anthropologie der Wahrnehmung II: Die Intersubjektivität der Wahrnehmung

Arbeitsgruppe in Kooperation der FEST und des Marsilius-Kollegs der Universität Heidelberg, organisiert von Magnus Schlette (FEST) und Christian Tewes (MK)

Thema der Arbeitsgruppe ist die ‚naive’ Wahrnehmungsgewissheit, derzufolge uns die Wahrnehmung in einen „Kontakt mit der Wirklichkeit“ (Fuchs 2017: 66) bringt. Die Stabilisierung der Wahrnehmungsgewissheit ist tief im subjektiven Bildungsprozess wie auch der existentiellen Grundverfassung des Menschen verankert und hat sich in der gewöhnlichen Sprache sedimentiert. Auf der im alltäglichen Lebensvollzug unhinterfragten Geltung der Wahrnehmung beruhen das Verständnis und die Erschlossenheit der Lebenswelt. Gleichwohl ist die Wahrnehmungsgewissheit in der klassischen Erkenntnistheorie immer verworfen worden. An ihrer Stelle haben sich unterschiedliche Spielarten des Repräsentationalismus etabliert, denen zufolge die Wahrnehmung lediglich mentale Modelle der Realität entwirft. Diese externe Realität wiederum sei strukturell verschieden von der Art und Weise, wie Wahrnehmende sie erleben. Konsequent zu Ende gedacht mündet diese Position dann häufig in Spielarten des Konstruktivismus, bei denen Perzeptionen für reine Konstruktionen des Gehirns ohne eine Verankerung in der Wirklichkeit gehalten werden (Roth, 1997, 252ff.)

Das Ziel der Arbeitsgruppe ist die Rehabilitierung der Wahrnehmungsgewissheit gegenüber ihren Kritikern. Auszuarbeiten ist die Behauptung, die Wahrnehmung bringe uns in Kontakt mit der Wirklichkeit; klärungsbedürftig ist dabei, wie dieser ‚Kontakt’ zu verstehen und zu rechtfertigen ist. Die Forschungshypothese lautet, dass die Realitätshaltigkeit der Wahrnehmung durch Verschränkung eines interaktionstheoretischen und eines intersubjektivitätstheoretischen Bezugsrahmens auf den Begriff gebracht werden kann.

Dem interaktionstheoretischen Ansatz zufolge ist die Handlung primär. Innerhalb ihrer stehen Subjekt und Objekt, Wahrnehmungen – verstanden als ‚Handlungsangebote‘ (Affordanzen, Gibson 1979)  – und darauf folgende Reaktionen  in einer Wechselbeziehung, die sich in dem sensomotorischen Austauschverhältnis des (menschlichen) Organismus mit seiner Umwelt herausbildet. Die Objektivierungsleistung der Wahrnehmung beruht zunächst auf diesem Austauschverhältnis, wird aber erst durch die intersubjektive Vermittlung der Umweltbeziehung vervollständigt und stabilisiert. Die interaktionstheoretisch begründete Mensch-Umwelt-Dyade muss daher zu einer Triade Ego-Alter Ego-Umwelt erweitert und der Realitätsbezug der Wahrnehmung in diesem Sinne trianguliert werden. Wo dies geschieht, erweisen sich auch Wahrnehmung und Zeichengebrauch als intern verknüpft.

Um zu erforschen, welche Stufenfolgen die Prozesse dieser Triangulierung der Objektivierung durchlaufen, wird die Arbeitsgruppe unter systematischen und entwicklungsgeschichtlichen Gesichtspunkten (phylo- und ontogenetischen) untersuchen, welche Bedingungen vorliegen müssen, damit Perzeptionen im Interaktionsgeschehen die ihnen von der naiven Wahrnehmungsgewissheit zugeschriebene Rolle auch erfüllen können. Wechselseitige Perspektivenübernahmen in der geteilten Intentionalität und die gemeinsame Bezugnahme auf Wahrnehmungsgehalte (triadische Kommunikation) bilden dafür eine zentrale Grundlage (Tomasello et al. 2005). Doch es ist zu analysieren, welche kognitiven Leistungen dafür erbracht werden müssen und wie der Gehalt derartiger Wahrnehmungen beschaffen ist. Setzt beispielweise die korrekte Deutung einer Zeigegeste bereits eine Theorie des Geistes beim Wahrnehmenden voraus? Und basieren derartige Wahrnehmungsgehalte immer auch schon auf begrifflichen oder protobegrifflichen Konstituenten?

Um solche Fragen zu klären, kommt in Anlehnung an Debatten aus der analytischen Philosophie dem Begriff der ‚dichten Wahrnehmung‘ eine Schlüsselrolle zu.  Damit ist gemeint, dass Wahrnehmungsgestalten eine unauflöslich bewertende Dimension inhärent ist, die sich nicht einfach rein deskriptiv und quasi standpunkneutral reformulieren lässt. Durch die Intersubjektivität der Wahrnehmung in der Lebenswelt bildet sich ein Netzwerk intentionaler Angebote oder „Affordanzen“ heraus, das den Menschen in seiner erkennend-wertenden Ausrichtung an der Beschaffenheit der Welt anleitet und seine Weltbeziehungen reguliert. Derartige Wahrnehmungsangebote manifestieren sich dabei nicht nur in direkten zwischenleiblichen Interaktionen sondern auch in der Herstellung und Auseinandersetzung mit Artefakten wie der Erstellung von Werkzeugen und ihrer Rückwirkung auf Kognition und Wahrnehmung, wie sie z. B. in der material engagement Theorie untersucht werden (Malafouris 2013).  Eine zentrale Rolle spielt dabei generell das Auftauchen von Hindernissen innerhalb des Interaktionskreises, die für das nicht Konstruierte der Wahrnehmung einstehen und im selben Zug Selbstbewusstsein wie Gegenstand entstehen lassen. Die Analyse der Auswirkung psychischer Erkrankungen auf derartige Wahrnehmungszusammenhänge verspricht zudem weitere Aufklärungen darüber, wie psychische, leibliche und soziale Prozesse in die intersubjektive Konstitution der Wahrnehmung eingehen.

Die genannten Fragestellungen und Zielsetzungen der Arbeitsgruppe sollen durch einen interdisziplinären Zugang bearbeitet bzw. realisiert werden. In der Grundlegungsarbeit werden pragmatistische, phänomenologische, analytische und verkörperungstheoretische Methoden und Gesichtspunkte eine zentrale Rolle spielen; dies schließt die Einbeziehung entwicklungspsychologischer, kulturanthropologischer und psychopathologischer Forschung zu den oben entwickelten Aspekten der Wahrnehmungsgewissheit mit ein.

 

Literatur

Fuchs, Th. (2017): In Kontakt mit der Wirklichkeit. Wahrnehmung als Interaktion, in: Schlette, M., Fuchs, Th., Kirchner, A.M. (Hg., 2017): Anthropologie der Wahrnehmung, Heidelberg: Winter.

Malafouris, M. (2013): How Things Shape then Mind. Cambridge, Massachusetts: The MIT Press.

Gibson, James. J. (1979): The Ecological Approach to Visual Perception, Boston: Houghton Mifflin.

Roth, G. (1997): Das Gehirn und seien Wirklichkeit, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Tomasello, M., Carpenter, M., Call, J., Behne, T., & Moll, H. (2005): Understanding and sharing intentions: The origins of cultural cognition, in: Behavioral and Brain Sciences, 28(5), 675-691.

 

Organisation:

PD Dr. Magnus Schlette                    (Philosophie, FEST)

PD Dr. Christian Tewes                    (Philosophie, U Heidelberg)

 

Mitglieder:

Prof. Dr. Ralf Becker                         (Philosophie, U Koblenz-Landau)

PD Dr. Jens Bonnemann                  (Philosophie, U Jena)

Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs             (Psychiatrie/Philosophie, U Heidelberg)

PD Dr. Miriam Haidle                       (Paleoanthropologie, HAW)

Prof. Dr. Matthias Jung                     (Philosophie, U Koblenz-Landau)

Dr. Vesna Marinovic                         (Psychologie, U Köln)

Dr. Tullio Viola                                  (Philosophie, HU Berlin)

Dr. Frank Vogelsang                        (Theologie, EA Rheinland/Bonn)

Materialien

Diskussionspapier