Altern als Aufgabe Anmeldung

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— Anmeldung —

Altern als Aufgabe

Interdisziplinäre Perspektiven auf die Imperative und die soziale Wirklichkeit des Alterns

Öffentliche Tagung, 7. bis 9. März 2018, Heidelberg

Tagungsort: Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg, Im Neuenheimer Feld 130, 69120 Heidelberg (Panel 8: Alte Aula der Universität Heidelberg, Grabengasse 1, 69117 Heidelberg).

Veranstalter: DFG-Netzwerk „Altern als Selbstverwirklichung“ (Prof. Dr. Silke van Dyk, PD Dr. Thorsten Moos, Dr. Christian Mulia, Prof. Dr. Saskia Nagel, Dr. Larissa Pfaller, Dr. Christoph Rott, PD Dr. Magnus Schlette), in Kooperation mit dem Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg

Tagungsbeitrag
Für Teilnahme und Verpflegung wird ein Unkostenbeitrag in Höhe von 120,- € erhoben.

Unterkunft
Für Tagungsteilnehmende ist im Hotel IBIS Heidelberg Hauptbahnhof (Willi-Brandt-Platz 3, 69115 Heidelberg, Tel.: 06221/9130, E-Mail: h1447re@accor.com)  ein Kontingent reserviert. Bitte melden Sie sich bis zum 24.01.2018 unter dem Stichwort „Altern als Aufgabe“ dort selbst an.

Anmeldung
Bitte melden Sie sich zur Tagung bei Frau Dr. Ermylia Aichmalotidou an.
Tel.: +49 6221/9122-36
E-Mail: ermylia.aichmalotidou@fest-heidelberg.de

Weitere Informationen
Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:

PD Dr. Thorsten Moos/PD Dr. Magnus Schlette
Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft e.V.
Institut für interdisziplinäre Forschung
Schmeilweg 5, D-69118 Heidelberg
Tel.: +49 6221 9122-22 bzw. -37

thorsten.moos@fest-heidelberg.de bzw. magnus.schlette@fest-heidelberg.de

 

 

Altern als Aufgabe Programm

Altern als Aufgabe

Interdisziplinäre Perspektiven auf die Imperative und die soziale Wirklichkeit des Alterns

Tagung, 7. März, 14:00 Uhr, bis 9. März 2018, 13:00 Uhr, Heidelberg

Tagungsort: Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg, Im Neuenheimer Feld 130, 69120 Heidelberg (Panel 8: Alte Aula der Universität Heidelberg, Grabengasse 1, 69117 Heidelberg).

Veranstalter: DFG-Netzwerk „Altern als Selbstverwirklichung“ (Prof. Dr. Silke van Dyk, PD Dr. Thorsten Moos, Dr. Christian Mulia, Prof. Dr. Saskia Nagel, Dr. Larissa Pfaller, Dr. Christoph Rott, PD Dr. Magnus Schlette), in Kooperation mit dem Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg

 

1                   Werde du selbst!
Altern als Individuierungsaufgabe

Zu den grundlegenden und tiefgreifenden sozialen Deutungsmustern moderner Gesellschaften zählt die Idee der Selbstbestimmung, die auch erheblichen Einfluss auf die Entwicklung von Alterungsprozessen nimmt. Wie das geschieht, lässt sich aus einer identitäts- und biografietheoretischen Perspektive rekonstruieren: Individuierung im Sinne der Auswahl und Realisierung von Lebensoptionen, durch die Menschen als einmalige Persönlichkeiten hervortreten, stellte an die alternden Menschen immer schon lebensphasenspezifische Bewährungsanforderungen. In den modernen westlichen Gesellschaften geraten Individuierungsprozesse dabei aber unter zunehmenden Individualisierungsdruck. Er beruht darauf, dass die Verbindlichkeit kollektiv geteilter Wertorientierungen zugunsten von Imperativen der individuellen Abwägung von Alternativen der Lebensführung abnimmt. Die Individualisierung von Individuierungsprozessen führt zu einem Zuwachs an Handlungsoptionen, zu einer Dramatisierung lebenspraktischer Entscheidungssituationen und zu größeren Verpflichtungserwartungen an den einzelnen, getroffene Entscheidungen zu begründen, und damit zu einer gesteigerten Bewusstheit des Einzelnen von seiner Verantwortung für die eigene Lebensgeschichte. Werde du selbst!: Der moderne Imperativ der Selbstbestimmung entfaltet durch die kulturelle Pfadabhängigkeit moderner Gesellschaften eine starke Anziehungskraft auf die Individuen, seine Erfüllung wird aber durch soziokulturelle Rahmenbedingungen in ganz unterschiedlicher Weise begünstigt oder erschwert. Zudem ist kontrovers zu diskutieren, inwiefern der Imperativ „Werde du selbst!“ nicht nur an gesellschaftlichen Rahmenbedingungen scheitert, sondern grundsätzlicher an der basalen Annahme eines (mehr oder weniger) kohärenten Selbst, das im Lebensverlauf im Sinne einer Vollendung zu sich selber wird bzw. werden kann. Der damit angenommene Identitätskern könnte sich als hoch fragil verweisen, die Aufgabe „Werde du selbst!“ als konstitutiv unmögliches Projekt, dessen Bezugspunkt selbst hochgradig fluide ist.

Aus philosophischer und pädagogischer Perspektive soll der Frage nachgegangen werden, welche Selbst- wie Fremdwahrnehmungen sich im Bewusstsein der alternden Akteure einstellen, welche prudentiellen Erwägungen der alternsspezifischen Reflexion des Selbstbestimmungs- und Selbstwerdungsimperativs förderlich sind und wie lernförderliche Umgebungen auszusehen vermögen. Kritisch gespiegelt werden diese Perspektiven durch subjektivierungstheoretische und identitätskritische Einwände und Fragen.

Magnus Schlette: Altern können. Gerontophilosophische Überlegungen zum Begriff der verkörperten Freiheit

Julia Franz: Ambivalente Spannungsfelder in Konzeptionen der Bildung Älterer – eine theoretische Analyse

Christoph Kann: Zwischen Selbsterkenntnis und Selbstpraxis. Zum Motiv der Selbstsorge als Altersimperativ

 

 2                   Steigere dich!

Altern als Optimierungsaufgabe

Alternde Menschen sind nicht nur mit höchst widersprüchlichen Imperativen der Selbstwerdung im Alternsprozess bei gleichzeitigem Nicht-Altern („Bleib jung!“) konfrontiert, sie sind zudem Adressaten/-innen von Imperativen der Selbstverwirklichung, die strikt auf die Optimierung und Steigerung des Selbst zielen – und damit eher auf permanente Selbstveränderung denn auf Selbstwerdung. Imperative der aktiven Sorge um die eigenen physischen und mentalen Fähigkeiten schlagen sich in Präskriptionen unterschiedlichster Art nieder, wobei die kontinuierliche Sorge um neuronale Prozesse von zentraler Bedeutung ist. Selbstoptimiertes Altern wird als erfolgreiches Altern attribuiert und wirft zahlreiche brisante, kontrovers diskutierte Fragen auf: Es stellt sich die Frage, wo optimierende Praktiken der Selbstvervollkommnung Ausdruck eines selbstbestimmten Alterns sind, das sich einem biomedizinischen Determinismus entledigt und wo wir es mit Disziplinierungsprozessen im Kontext von Effizienz- und Ökonomisierungsdenken zu tun haben. Was wird von wem erwartet und wie werden diese Erwartungen vermittelt? Es ist zu untersuchen, wer zwischen Gegebenem und Gestaltbarem unterscheidet – was ist zu verändern, was zu optimieren? In Bezug auf Lebensqualität muss man fragen, wann und für wen Selbstoptimierung der Lebensqualität zuträglich und wann erzeugt sie genau das Gegenteil? Wie hängen Optimierungsimperative und Imperative eines produktiven Alterns zusammen? Diese Fragen werden im Rahmen des interdisziplinär zusammengesetzten Panels unterschiedlich beantwortet und in einer moderierten Kontroverse erörtert.

Bettina Schöne-Seifert: Medizinisches Enhancement im Alter – warum denn nicht?

Diana Lindner: Aporien der Optimierung im Lebenslauf. Empirische Ergebnisse

Stefan Lessenich: … die weckt, was in dir steckt. Politik mit dem Alterspotential

Saskia Nagel: Optimierung von der Wiege bis zur Bahre – zu viel des Guten?

 

 3                   Bleib jung!
Von der Aufgabe, nicht zu altern (öffentlich; als „Marsilius Kolleg kontrovers“)

Unter dem Schlagwort Anti-Aging summieren sich die unterschiedlichsten Praktiken und Anwendungen. Einerseits versucht die Anti-Aging-Medizin, biogerontologische und biomedizinische Erkenntnisse zur Prävention, frühen Diagnose oder Behandlung von altersbedingten Krankheiten und Beschwerden zu nutzen. Andererseits bietet eine florierende Anti-Aging-Industrie zahlreiche Produkte vor allem zur Erhaltung eines jugendlichen Erscheinungsbildes an und vermittelt so anscheinend Wege zur Ermächtigung wider das biologische Diktat. Das Panel thematisiert mit Vertretern aus der Praxis, der Soziologie und der Theologie die Kontroversen, die um das Anti-Aging in der Medizin, den Geisteswissenschaften und in den öffentlichen Medien geführt werden. Die Sprecher diskutieren Fragestellungen zu natürlichem vs. unnatürlichem Altern und zur Kommerzialisierung, um zu ergründen, was sich hinter der Faszination am Anti-Aging verbirgt.

Alfred Wolf: Sinn und Unsinn der Anti-Aging-Medizin

Mone Spindler: Was ändert sich, wenn Anti-Aging vom Jungbrunnen zur Lebensaufgabe wird? Von der Aufgabe, die Kritik an Anti-Aging zu schärfen

Heinz Rüegger: Pro Aging als gerontologisches Paradigma. Eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Anti-Aging

Heiko Stoff: Zum andauernden Streit um Verjüngung und Anti-Aging seit Ende des 19. Jahrhunderts. Ein Leitmotiv moderner Leistungs- und Konsumgesellschaften

 

4          Bleib gesund!

Alter zwischen „normal“ und „pathologisch“

Gesund altern ist nicht nur ein wohl universaler Wunsch; es ist auch ein normatives wissenschaftliches Konzept. So unterscheidet die Neurobiologie zwischen „gesundem“ und „pathologischem“ Altern des Gehirns. Diese Unterscheidung ist voraussetzungsreich. Inwieweit enthält sie Vorstellungen guten Alters, inwieweit ruht sie lediglich auf statistischen Berechnungen, inwieweit enthalten diese ihrerseits wiederum normative Prämissen? Das Panel untersucht Vorstellungen von Normalität und pathologischer Abweichung im Altern aus medizinphilosophischer und ethischer Perspektive. An dieser Stelle ist auch das kritische Verhältnis zum Begriff der Normalität interessant, wie es seit jeher in den Disability Studies gepflegt, aber in aller Regel nicht auf das Alter ausgezogen wird. So ist auch die Intersektionalität von „Alter“ und „Behinderung“, also die Kopplung von diesbezüglichen Diskriminierungsformen, ein weithin unbeackertes Feld. In Annäherung daran wird gefragt, was aus der Normalitätskritik der Disability Studies für die Betrachtung des Alterns zu lernen ist.

Hans-Jörg Ehni: Pathologie und Negativität des körperlichen Alterns

Anne Waldschmidt: Hauptsache normal!? Betrachtungen zur ‚Normalität‘ im Anschluss an die Disability Studies

Thorsten Moos: „Normales Altern“ als lebensweltlicher Begriff

 

5                   Ich bin nicht alt.
Technologien, Normen und Erfahrungen der Alterslosigkeit

Die normative Substruktur des Alterns besteht nicht nur aus expliziten Alternsaufgaben. Sie ist auch dort noch wirksam, wo das Altern nicht sein soll oder nicht thematisch ist. Tatsächlich begegnet die Frage der Alterslosigkeit in ganz unterschiedlichen Kontexten: als technologisches Programm, als soziale (Bezugs-)Norm sowie als lebensweltliches Phänomen. Transhumanistische Programme arbeiten auf eine technologische Überwindung des Alterns hin; Philosophie, Human- und Sozialwissenschaften thematisieren mit starker Ausstrahlungskraft in gesellschaftliche Debatten „den Menschen“ als alterslos und setzen dabei implizit die Norm eines mittleren Alters voraus. Die empirische Forschung offenbart wiederum, dass viele Menschen sich auch im siebten, achten oder neunten Lebensjahrzeit als weitgehend alterslos und in der Kontinuität des Erwachsenenlebens stehend erleben. Das Panel bringt diese Perspektiven, Normen und Erfahrungen der Alterslosigkeit ins kontroverse Gespräch miteinander.

Stefan Sorgner: Transhumanismus – Ist Altern eine therapierbare Krankheit?

Silke van Dyk: Das Alter als Anderes. Zur gesellschaftlichen Norm der Alterslosigkeit

Hans-Werner Wahl: Ich bin so alt, wie ich nicht bin. Empirische und theoretische Anmerkungen

 

6         Soziale Ungleichheit im Alter

Die gesellschaftlichen Imperative eines aktiven, produktiven, gesunden und optimierten Alter(n)s sind auf dem sozialen Auge blind – wachsende Ungleichheiten in der Ausstattung mit finanziellen, gesundheitlichen und Bildungsressourcen spielen in der gesellschaftlichen Neuverhandlung des höheren Lebensalters kaum eine Rolle. Eine privilegierte Minderheit materiell wohl ausgestatteter, gut gebildeter Senioren/-innen wird zum Maßstab einer anerkannten Altersaktivität erkoren, den die mit weniger ökonomischem und kulturellem Kapital gesegneten Älteren nur verfehlen können. Die Keynote adressiert die sozialen Spaltungslinien im höheren Lebensalter, debattiert die wachsende Ungleichheit der Lebenserwartungen und fragt nach Perspektiven einer solidarischen Alter(n)swelt.

Christoph Butterwegge: Soziale Ungleichheit im Alter. Spaltungslinien, Altersarmut und demographischer Wandel

 

7         Beiträge von Nachwuchswissenschaftlern/-innen

Die Tagung bietet jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern (Doktoranden/-innen, aber auch Postdocs und anderen interessierten Forschenden) die Gelegenheit, ihre Arbeiten vorzustellen. Sie stellen ihre Forschungsprojekte vor, die sich mit Imperativen des Alterns – sozialen Normen, Erwartungen bzw. Zielvorgaben an alternde Menschen – im Horizont der sozialen Wirklichkeit des Alterns befassen.

Anna Janhsen: Transzendier dich selbst! Spiritualität als Alternsaufgabe

Mike Laufenberg: Altern als unmögliche Aufgabe? Leben mit Demenz in Zeiten aktivierender Alterspolitik

Annette Riedel/Sonja Lehmeyer/Ann-Christin Linde/Nadine Treff: Schöpfe aus der Lebensqualität und antizipiere dein Lebensende

Lea Schütze: „Ich muss meinen eigenen Weg gehen“ – Selbst-Thematisierungen älterer schwuler Männer als Abgrenzung zum ‚Hetero‘-Alter(n)

Oliver Victor: ‚Entwerfe dich selbst!‘ Alter(n) zwischen Absurdität und Selbstfindung bei Albert Camus

 

8         Bleib empfänglich!
Altern zwischen Resonanz und Verletzlichkeit

Der Heidelberger Psychologe und Gerontologe Andreas Kruse, Mitglied des Deutschen Ethikrats und Vorsitzender der Altenberichtskommission der Bundesregierung, fragt in seinem jüngsten Buch nach den Bedingungen der Weltgestaltung im hohen Lebensalter. Anlässlich der öffentlichen Abendveranstaltung „Bleib empfänglich!“ diskutiert er mit dem Jenaer Soziologen Hartmut Rosa, Autor des viel diskutierten Buches „Resonanz. Eine Theorie der Weltbeziehungen“, über die Altersimplikationen von Resonanz und Entfremdung unter den Bedingungen von Verletzlichkeit und Reife in späten Lebensjahren.

Andreas Kruse

Hartmut Rosa

 

9                   Lass los!
Hochaltrigkeit zwischen Vollendung und Depersonalisierung

Das hohe Alter ist Gegenstand widersprüchlicher Projektionen. Auf der einen Seite steht der Gedanke einer „Lebenssattheit“ des Alters, in dem sich das Leben in einer versöhnten Weise rundet und vollendet. Auf der anderen Seite wird alle Negativität des Altseins auf das hohe Alter projiziert, um das „gute“ dritte Lebensalter hiervon freizuhalten. Hochaltrigkeit erscheint dann als Phase hochgradiger Abhängigkeit, als Versagen der Selbstbestimmung bis hin zum Verlust von Würde und Personalität. Alternsbezogene Wünsche und Befürchtungen sind somit in kulturellen Bildern der Hochaltrigkeit in zugespitzter Weise repräsentiert. Entsprechende Spannungen zeigen sich in Praktiken des Umgangs mit hochaltrigen Menschen, denen zuweilen achtungsvolles Interesse entgegengebracht wird, die oftmals aber gar nicht mehr als Subjekte adressiert werden, sondern lediglich noch als Objekte der Versorgung in den Blick kommen. Die in den übrigen Panels diskutierten Imperative, Aufgaben und Wirklichkeiten des Alterns erscheinen hier mithin in spezifischer Brechung. Was etwa heißt Selbstverwirklichung im hohen Alter? Aus dem Blickwinkel der Pflegewissenschaften ist zu erörtern, in welchen Formen Autonomie in Abhängigkeitsverhältnissen bewahrt bzw. wiedergewonnen werden kann. In theologisch-philosophischer Perspektive stellt sich wiederum die Frage, wie biografische Brüche und Kontingenzerfahrungen angesichts verrinnender Lebenszeit in das eigene Selbstkonzept integrierbar sind, und wie diese sich zu einem Imperativ der Vollendung der eigenen Biographie verhalten.

Hans-Martin Rieger: Die Würde des Gewordenen in einer Kultur der Potentialisierung

Josefine Heusinger: Chancen und Restriktionen für Selbstbestimmung im gebrechlichen Alter

Harm-Peer Zimmermann: Besonnenheit. Über eine Grundbefindlichkeit im hohen Alter

 

10          Bring dich ein!

Partizipation und Produktivität als Alternsaufgaben

Eine Gesellschaft des langen Lebens fordert zu einer Neujustierung der sozialen Sicherungs- und Unterstützungssysteme heraus (Rente, Gesundheit, Pflege und Wohnen). Infolge dessen sehen sich die Älteren einem charakteristischen Spannungsverhältnis ausgesetzt: Ihr eigenes Interesse an der Mitgestaltung des sozialen Lebens trifft auf eine zunehmende sozialpolitische Aktivierung und Inanspruchnahme. Am Beispiel der ‚Sorgenden Gemeinschaft‘, die im siebten Altenbericht (2016) als zivilgesellschaftliches Leitbild ausgegeben wird, sollen diese Ambivalenzfelder aus pflege- und sozialwissenschaftlicher Perspektive ausgelotet werden: zwischen Selbstverwirklichungsansprüchen und Responsibilisierungsimperativen, Subsidiaritätsdenken und dem Abbau wohlfahrtstaatlicher Strukturen, Solidarität und der Verfestigung von sozialer Ungleichheit.

Thomas Klie:

Tine Haubner: Caring Communities oder müde Gemeinschaften? Zur Bedeutung von Laienpflege im Kontext der deutschen Pflegekrise

Bettina Holstein: Ehrenamt im Alter – Aktivierung von Senior/-innen

Klaus Tanner: Chair

Altern als Aufgabe

Altern als Aufgabe

Interdisziplinäre Perspektiven auf die Imperative und die soziale Wirklichkeit des Alterns

Öffentliche Tagung, 7. bis 9. März 2018, Heidelberg

Tagungsort: Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg, Im Neuenheimer Feld 130, 69120 Heidelberg (Panel 8: Alte Aula der Universität Heidelberg, Grabengasse 1, 69117 Heidelberg).

Veranstalter: DFG-Netzwerk „Altern als Selbstverwirklichung“ (Prof. Dr. Silke van Dyk, PD Dr. Thorsten Moos, Dr. Christian Mulia, Prof. Dr. Saskia Nagel, Dr. Larissa Pfaller, Dr. Christoph Rott, PD Dr. Magnus Schlette), in Kooperation mit dem Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg

 

„Altern“ ist ein dichtes Konzept, in dem Deskriptives und Normatives, Somatisches und Soziales eng ineinander greifen. Das Altern ist gleichermaßen Gegenstand von Hoffnungen, Ängsten und Wünschen wie von politischen Regulierungen und sozialen Vorgaben, die sich in Zielformulierungen für Alternde niederschlagen. „Bleib gesund!“ – „Steigere dich!“ – „Bring dich ein!“ – „Werde du selbst!“: Ohne dass sie immer explizit formuliert würden, stellen solche Imperative Hintergrundplausibilitäten des Alterns dar. Sie prägen gesellschaftliche Diskurse, Selbstwahrnehmungen und Alltagspraktiken und sie materialisieren sich in Prämissen der Sozial-, Gesundheits- und Demografiepolitik. Altern ist sowohl eine existenzielle, hochgradig diverse Herausforderung für jede einzelne Person als auch eine gesellschaftliche Aufgabe, die kaum reicher an Kontroversen sein könnte. In der Thematisierung des Alterns artikulieren sich die Ambivalenzen spätmoderner Gesellschaften.

Folgt man den medialen und politischen Altersdiskursen der Gegenwart, scheinen die Zeiten, da das Alter(n) allein negativ attribuiert wurde, da Verfall, Abbau, und Rückzug die typischen Altersassoziationen waren, der Vergangenheit anzugehören. Heute steht das erfolgreiche Altern, das gesunde und optimierte Altern, das aktive und produktive Alter, das alterslose und jugendliche Alter im Zentrum der Aufmerksamkeit. Und wer wollte dies alles nicht sein oder werden? Aktiv, gesund und erfolgreich, ja auch alterslos? Auch Fragen der Selbstbestimmung und Selbstgestaltung im Alternsprozess gewinnen an Bedeutung und werden erst im Kontext einer zunehmenden Erschütterung lange Zeit sicher geglaubter biomedizinischer Determinismen in neuer Weise verhandelbar – ohne dass deshalb die biomedizinischen Implikationen des Alterns negiert werden müssten.

Viele dieser neuen, auf den ersten Blick vielversprechenden Altersaufgaben und -präskriptionen sind hochgradig ambivalent und können aus guten Gründen kritisiert werden. Sie widersprechen einander; sie transportieren durchaus problematische Bilder des Alter(n)s; sie formen auf subtile Weise die Subjektivität alternder Menschen. Zugleich verhält sich die soziale Wirklichkeit des Alterns spröde zu diesen Imperativen; die soziale Diversität und die vitalen Ungleichheiten realer Alterungsprozesse, aber auch dementielle Erkrankungen oder Pflegebedürftigkeit hindern viele, im Sinne der Imperative „erfolgreich“ zu sein. Und die Leitvorstellungen der Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung oder gar Selbstvervollkommnung sind reich an begrifflichen und normativen Implikationen, die nicht ungefragt hingenommen werden sollten, sondern eigens problematisiert werden müssen.

Die Tagung adressiert zum einen die spannungsvolle imperative Struktur des Alterns und zum anderen das Verhältnis der Alternsimperative zur sozialen Wirklichkeit alter(nder) Menschen. Vertreterinnen und Vertreter der Sozialwissenschaften, Philosophie, Theologie, Medizin, Medizinethik, Psychologie, Bildungs- und Pflegewissenschaften debattieren in Panels über das Altern als herausragende Aufgabe der Gegenwart. Die Tagung richtet sich an Wissenschaftler/-innen wie auch an Vertreter/-innen von Wohlfahrtsverbänden und anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die mit konzeptionellen Fragen im Umfeld des Alterns befasst sind.

Die Veranstaltung findet statt im Rahmen des DFG-Forschungsnetzwerkes „Altern als Selbstverwirklichung. Individualitätskonzepte später Lebensphasen im Schnittfeld von Neurowissenschaften, Vorsorge-, Bildungs- und Altersdiskurs“.

Programm

Anmeldung

 

Kontakt und weitere Informationen:

PD Dr. Thorsten Moos/PD Dr. Magnus Schlette
Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft e.V.
Institut für interdisziplinäre Forschung
Schmeilweg 5, D-69118 Heidelberg
Tel. +49 6221 9122-22 bzw. -37

thorsten.moos@fest-heidelberg.de bzw. magnus.schlette@fest-heidelberg.de