Altern als Selbstverwirklichung-Arbeitsprogramm

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Arbeitsprogramm

Der Kern der Forschung besteht darin, die Verschränkung der vier genannten Diskurse zunächst am Ort ihrer wissenschaftlichen Referenzdisziplinen, ferner in der Ratgeberliteratur, der Pharmawerbung oder ähnlichen Medien kultureller Altersdeutung und schließlich in den Selbstdeutungen der Alten nachzuvollziehen. Dafür bietet sich die Form eines Netzwerkes an, das Forschungsaktivitäten und Expertise aus den Neurowissenschaften, der Pädagogik, der Präventionsforschung, der Gerontologie und den mit der Reflexion der genannten Diskurse befassten Geistes- und Sozialwissenschaften bündelt. Ferner ist erforderlich, dass die Teilnehmer des Netzwerks ihrerseits in bereits etablierten Forschungszusammenhängen arbeiten, so dass deren Ergebnisse für die besagten Fragestellungen produktiv genutzt werden können (z.B. sozialwissenschaftliche Datenbasen und -auswertungen).

Das Nachwuchswissenschaftler-Netzwerk veranstaltet in drei Jahren insgesamt sechs Arbeitstreffen mit Workshop-Charakter, die dem wissenschaftlichen Nachwuchs in begrenztem Umfang öffentlich zugänglich gemacht werden, aufeinander aufbauen und unterschiedliche thematische Schwerpunkte haben. Abschließend ist eine Tagung geplant, auf der die Ergebnisse des Netzwerks einem größeren Fachpublikum zugänglich gemacht und in die einschlägigen Debatten integriert werden. (Die Finanzierung der Abschlusstagung wird separat beantragt.) Überdies sollen die Ergebnisse der Arbeitstreffen (und der abschließenden Tagung) in einem deutsch- oder englischsprachigen Sammelband veröffentlicht werden. Ferner ist die Publikation von Fachaufsätzen in Koautorschaft einzelner Mitglieder des Netzwerks geplant, die sich auf der Basis ihrer jeweiligen Expertise wechselseitig in der Bearbeitung interdisziplinärer Fragestellungen im Rahmen des Netzwerkthemas ergänzen.
Veranstaltungsorte für die Treffen des Netzwerkes sind die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg und gegebenenfalls weitere Orte. Diese Institution bietet durch ihre überregionale Präsenz in der Wissenschaftslandschaft, die Infrastruktur und bestehende fächerübergreifende Forschungszusammenhänge eine optimale Voraussetzung für die Durchführung der Arbeitstreffen. In Heidelberg besteht darüber hinaus bereits eine differenzierte Landschaft von gerontologischen Forschungseinrichtungen, zu denen Kontakte geknüpft und mit denen Kooperationen angestoßen werden sollen und schon initiiert wurden. Darüberhinaus wurde eine webbasierte Infrastruktur errichtet, in der die gruppeninterne Kommunikation (z.B. die Versendung von Texten zur Vorbereitung auf die Arbeitstreffen, wechselseitige Kommentierung von Arbeitspapieren etc.) ermöglicht wird.


Arbeitstreffen 1, 22.−23.05.2014, FEST, Heidelberg

„Produktivität und Selbstverwirklichung: Zum Verhältnis von Ökonomisierung und Individualisierung der Lebensentwürfe im Dritten Lebensalter“
Organisation: Silke van Dyk/Magnus Schlette
Der erste Workshop gab den Teilnehmern und Teilnehmerinnen zunächst Gelegenheit, sich persönlich kennenzulernen und die Projekte, die sie in ihren jeweiligen Forschungszusammenhängen verfolgen, kursorisch vorzustellen. Die Antragsteller präsentierten danach das Arbeitsprogramm und stellten es zur Diskussion, um Modifikationen und Feinjustierungen zu ermöglichen. Nach diesem Einführungsblock wurde mit der Arbeit am Thema des Arbeitstreffens begonnen.
Thema
Die Berücksichtigung gouvernementalitätstheoretischer Arbeiten zum Verhältnis von Fremd- und Selbstführung (Foucault 2004; Bröckling et al. 2000) sowie von soziologischen Zeigdiagnosen, die sich mit der Frage von „Selbstverwirklichungszwängen“ in der Spätmoderne auseinander setzen (z.B. Honneth 2002; Kocyba 2005), können dazu dienen, die alter(n)sspezifischen Analysen an aktuelle Gesellschaftsanalysen und Zeitdiagnosen rückzubinden. Der Workshop soll sich dem Anliegen widmen, die soziologisch und sozialtheoretisch breit diskutierten Ambivalenzen spätmoderner Subjektivität im Spannungsfeld von Normierung und Pluralisierung, von Ökonomisierung und Individualisierung, von Empowerment und Disziplinierung lebenslauf- und alternsspezifisch durchzubuchstabieren. Mit der lebenslaufbezogenen Temporalisierung gängiger Zeitdiagnosen würde ein wesentliches Desiderat der gesellschaftstheoretischen Auseinandersetzung mit Fragen des Alter(n)s – als Fragen des temporalisierten Lebens – erfüllt. Neben dieser „Dynamisierung“ einschlägiger (Zeit-)Diagnosen sollen Fragen sozialer Ungleichheit im Zentrum des Workshops stehen, erweist sich in den aktuellen Debatten um das junge/dritte Alter doch vor allem seine Homogenisierung als großes Problem. Nicht nur die Voraussetzungen, den mit dem Produktivitätsparadigma verbundenen Ansprüchen/Anforderungen zu genügen, sind höchst ungleich verteilt, auch die Orientierung an selbstverwirklichungsbezogenen Werten gilt keineswegs für alle Bevölkerungsgruppen in gleicher Weise.
Projektpräsentation
Gemeinsam mit ihrem Kollegen Stephan Lessenich hat Silke van Dyk von 2008 bis 2012 im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 580 in Jena/Halle ein DFG-finanziertes Forschungsprojekt geleitet, das sich explizit dem Verhältnis von gesellschaftlichen Diskursen und subjektiven Perspektiven auf das junge Alter (im Ost-West-Vergleich) gewidmet hat: „Vom wohlverdienten Ruhestand zum Alterskraftunternehmer? Bilder und Praktiken des Alter(n)s in der aktivgesellschaftlichen Transformation des deutschen Sozialstaats nach der Vereinigung“ lautet der Projekttitel. Um die Veränderungen auf gesellschaftlicher wie individueller Ebene erfassen zu können, wurde ein zweistufiges Forschungsverfahren gewählt und die Analyse von Diskursen des Alter(n)s im Zeitraum von 1983 bis 2010 mit einer qualitativen Interviewstudie verschränkt. Die Ergebnisse dieser soziologischen Studie können die im Netzwerk angestrebten interdisziplinären Diskussionen zum Altern als Selbstverwirklichung befruchten, deuten sie doch darauf hin, dass es unverzichtbar ist, die Analysen der Neuverhandlung des Alters über das im engeren Sinne alter(n)ssoziologische und politische Feld an gesellschaftliche Vorsorge- und Bildungsdiskurse, aber auch an individualethische Vorstellungen einer vita activa anzuschließen. Ferner zeigen die Ergebnisse mehr als deutlich, dass Gestaltungsräume des Alterns nicht unabhängig von Fragen sozialer Ungleichheit diskutiert werden können. Demgegenüber hat Magnus Schlette in seiner Habilitationsschrift „Die Idee der Selbstverwirklichung. Zur Grammatik des modernen Individualismus“, die im Jahr 2012 mit dem Max-Weber-Preis für Nachwuchswissenschaftler des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien ausgezeichnet wurde, ein bewährungstheoretisches Konzept von Selbstverwirklichung vorgelegt, das er für die Alternsforschung nutzbar machen möchte. Forschungsleitend ist dabei die Hypothese, dass generische Konzepte von Selbst und Identität lebensphasenspezifisch differenziert werden müssen, was in der philosophischen Forschung bisher nicht bzw. nur in vereinzelten Ansätzen geleistet worden ist.


Arbeitstreffen 2,
28.−29.05.2015, FEST, Heidelberg
„Prävention und Plastizität. Zur Geschichte des Präventionsdiskurses und zu neurowissenschaftlichen Innovationen medizinischer Vorsorge für die späten Lebensalter“.
Organisation: A. Kampf, S. Nagel
Thema
Zunächst wurde ein vertiefter Einblick in die (Zeit-)Geschichte der Prävention und der Präventionsdiskurse zur Kontextualisierung der rezenten medizinischen Debatten neuro-wissenschaftlicher Innovationen erarbeitet. Insbesondere die Diskussionen über zentrale Begriffe und Konzepte zu ‚Individualität‘, ‚Alter‘ und ‚Selbstgestaltung‘ haben im Laufe des 20. Jahrhunderts eine fundamentale Veränderung erfahren, die die Schnittstelle zwischen der Risikofaktorenmedizin, der gesundheitspolitischen Operationalisierung von ‚Eigenverantwortlichkeit‘ und public health-Ansätzen bis heute prägen. Hierzu wurden einschlägige Arbeiten der Literatur zur Geschichte der Prävention an der Schnittstelle zum Altersdiskurs besprochen. Davon ausgehend wurde dann das Thema auf die Problematik der neuronalen Plastizität zugeführt. In den vergangenen Jahren haben Studien zu neuronaler Plastizität – der Fähigkeit des Gehirns, auf Erfahrungen mit Veränderungen in neuronaler Aktivität, Struktur und Funktion zu reagieren – Fragen über Entwicklung und Altern, Lernen, Pathologien sowie über die Effekte der Ernährung, verschiedener Trainingsformen, psychoaktiver Substanzen und kortikaler Stimulationsmechanismen erhellt. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse über die lebenslange Anpassungsfähigkeit des Gehirns legen nahe, korrespondierende Anwendungen zur medizinischen und psychologischen Vorsorge zu entwickeln. Im Workshop wurden die neurowissenschaftlichen Methoden und Ergebnisse zu neuronalen Reorganisationsprozessen und Mechanismen kortikaler Reorganisation vorgestellt. Zentrale Forschungsartikel und die relevanten Entwicklungen in den Neurowissenschaften für den Präventionsdiskurs wurden diskutiert. Ein Kernthema war die Betrachtung der Translation aus der Grundlagenforschung in die Anwendung, sowie die Perzeption der empirischen Ergebnisse durch die Öffentlichkeit.
Projektpräsentation
Antje Kampf
befasst sich in ihrer Forschung schwerpunktmäßig einerseits mit den Präventionsdiskursen im historischen Kontext, andererseits mit dem Diskurs zwischen Alter und Körper. Sie hatte die Projektleitung für das von der DFG geförderte Projekt „Representation of gender and concepts of cardio-vascular prevention in Germany, 1949 – 2000“ und organisierte die internationale Tagung „Translating Health: Biomedicine and Prevention after 1945 in Europe“, die unter anderem Fragestellungen zum Alterskonzept in der Medizin sowie dessen Einfluss auf die Öffentlichkeit thematisiert hat. Der wissenschaftsbasierten öffentlichen Repräsentation des Zusammenhanges zwischen Prävention und Alter gilt auch ihr Forschungsinteresse im Rahmen des Nachwuchsforschernetzwerks. Saskia Nagel beschäftigt sich u.a. mit der Veränderbarkeit des Gehirns und den Konsequenzen für unser Verständnis eigener Verantwortlichkeit für mentale Prozesse. Sie untersucht hier verschiedene Lebensphasen und die Besonderheiten, die neurowissenschaftliches Wissen in den verschiedenen Altersstufen haben kann. Neben einem Projekt, in dem es um psychopharmakologische Interventionen bei Kindern geht (Graf, Nagel et al. 2013), wird die Frage nach den Auswirkungen auf das Altersbild und auf die Selbstwahrnehmung im Alter thematisiert (Nagel und Remmers 2012). Hier geht es auch um Technologien im Alter, die zunehmend Raum im Leben von alten Menschen einnehmen. Neurowissenschaftliche Forschung zeigt die lebenslange Veränderbarkeit des Gehirns und erlaubt gezielte Maßnahmen zur Selbstgestaltung (Nagel 2013). Im Rahmen des Nachwuchsforschernetzwerkes beleuchtet sie insbesondere Aspekte der lebenslangen Selbstformung.