Religiöse Indifferenz

Quelle: Peter Conrad/unsplash.com

Seit einigen Jahren findet das Phänomen religiöser Indifferenz vermehrt Beachtung in Theologie und Sozialwissenschaften. Jüngst hat erst die 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) erneut unterstrichen, dass sich breite Teile der Gesellschaft in Deutschland kaum bis gar nicht für religiöse Themen interessieren. Die 6. KMU verzeichnet einen signifikanten Zusammenhang mit säkularistisch-szientistischen Weltbildern, in denen Kirche und Religion keine relevante Rolle mehr spielen. An der FEST wird die Thematik in dreifacher Hinsicht bearbeitet:
  1.  im interdisziplinären Diskurs von Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften zu Phänomenen der Indifferenz und Gleichgültigkeit im Allgemeinen
  2. spezifisch christlich-religiöse Indifferenz als systematisch-theologisches Thema im Besonderen
  3. unter Gesichtspunkten des Wissenschaftstransfers und im Austausch mit lokalen Kirchengemeinden.
  1. Vom 29. Juni bis zum 1. Juli 2023 fand an der FEST eine interdisziplinäre Fachtagung zum Thema „Indifferenz – Gleichgültigkeit – Apathie: Interdisziplinäre Perspektiven auf ein ambivalentes Phänomen“ statt. Organisiert wurde die Tagung von der FEST (Rasmus Nagel) in Kooperation mit der theologischen Fakultät Heidelberg (Patrick Ebert). Der erste Teil der Tagung beleuchtete das Thema durch zeitdiagnostische Impulse von Peter Zima (Klagenfurt), Patrick Ebert (Heidelberg) und Andreas Sommer (Freiburg). Dabei wurde bereits deutlich, was sich durch die Tagung ziehen sollte: Indifferenz als Thema provozierte leidenschaftliche und damit nicht-indifferente Einschätzungen. In einem zweiten Schritt vertieften Pascal Delhom (Flensburg), Christina Schües (Lübeck), Bernhard Waldenfels (Bochum) und Philipp Stoellger (Heidelberg) das Thema in phänomenologischer Perspektive. Es wurde herausgearbeitet, inwiefern die Kategorie einer basalen Nicht-Indifferenz sowohl epistemologisch als auch (meta-)ethisch grundlegend ist für eine Phänomenologie der Verantwortung vor dem Anderen. Als Schwundstufe von Pathos und Response (Waldenfels) markieren Indifferenz und Apathie die unmöglichen Grenzbegriffe einer Phänomenologie, die ihren Ausgang in Widerfahrnis und Antwort nimmt. Religiöse Indifferenz vor dem Hintergrund zeitgenössischer Säkularität wurde in den Blick genommen von Johannes Quack (Zürich) als ‚Weg des geringsten Widerstands‘ und von Franz-Josef Wetz (Schwäbisch-Gmünd) als Signatur neuzeitlich-wissenschaftlicher Naturwahrnehmung. In theologischer Perspektive schlug Veronika Hoffmann (Fribourg) den Indifferenzbegriff nicht als Positionsmarker, sondern als Modalität vor, in der sich sowohl religiöse als auch nichtreligiöse Positionen zeigen. Rasmus Nagel (Heidelberg) fragte, ob religiöse Indifferenz als neues Normal-Null von Religiosität verstanden werden könne, und schlug daran anschließend Reinterpretationen theologischer Kategorien wie Unglaube, der Abwesenheit Gottes und christlicher Gelassenheit vor. Gerade dieses Letzte befragte anschließend Arne Bachmann (Heidelberg) theologisch-konstruktiv, gerade auch im Hinblick auf Grenzziehungen zwischen Wichtigem und Unwichtigem angesichts von Reizüberflutung und Aufmerksamkeitsökonomie.
  2. Für eine im deutschsprachigen Raum bisher noch ausstehende systematisch-theologische Interpretation religiöser Indifferenz finden seit dem vergangenen Jahr die Vorbereitungen einer fachzeitschriftlichen Bearbeitung in Form eines eigenen Themenheftes der Zeitschrift für Theologie und Philosophie (ZTP) statt. Die FEST kooperiert hierfür mit Veronika Hoffmann (Fribourg), Magnus Lerch (Köln) und Stefan Walser (Bonn).
  3. Seit dem vergangenen Jahr bietet die FEST für Kirchengemeinden das Transfer- und Workshopformat „Gott – Glaube – Kirche: alles egal?“ an. In Form eines Weiterbildungsangebots informiert und diskutiert die FEST gemeinsam mit Pfarrerinnen und Pfarrern über religiöse Indifferenz und die diesbezüglichen Erfahrungen in den Kirchengemeinden und bespricht Perspektiven des möglichen Umgangs mit dem Thema.
Ansprechpartner

Rasmus Nagel

Wissenschaftlicher Referent Arbeitsbereich "Theologie und Naturwissenschaft" (beurlaubt)

06221/167257