AK Demokratie als Lebensform

Quelle: Magnus Schlette

Eine Zusammenarbeit und Vernetzung der deutschsprachigen Pragmatisten hat bislang kaum stattgefunden. In Kooperation der FEST und des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover (FIPH) haben Magnus Schlette und Dr. Ana Honnacker von 2016 bis 2018 einen interdisziplinären Arbeitskreis zum Thema „Demokratie als Lebensform. Einsichten des Pragmatismus“ organisiert, der sich zum Ziel setzte, ideengeschichtliche Forschung zum Pragmatismus mit pragmatistischer Forschung zu zentralen gesellschaftlichen Gegenwartsfragen in einem breiten disziplinären Spektrum der Perspektiven von der Anthropologie über die Ästhetik und Religionstheorie bis zur Sozial- und Demokratietheorie miteinander zu verknüpfen und die Forschungsaktivitäten sukzessiv zu vernetzen.
 
Das Thema „Demokratie als Lebensform. Einsichten des Pragmatismus“
birgt eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten für die Pragmatismusforschung.
 
Im Rahmen der Tätigkeiten des Arbeitskreises wurde neben inhaltlicher Arbeit das German Pragmatism Network gegründet, das seit 2018 in der European Pragmatism Association vertreten ist.
 
Heute firmieren zunehmend philosophische Positionen unter dem Begriff des Pragmatismus, die mit den klassischen Pragmatisten kaum noch etwas oder gar nichts mehr zu tun haben und auch historiographisch auf Bezugsautoren zurückgreifen, die eigentlich aus anderen Schulen kommen. Hier scheint sich ein erweiterter Gebrauch des Pragmatismusbegriffs abzuzeichnen, positiv gewendet die Möglichkeit, Motive des klassischen Pragmatismus wieder gegenwartsphilosophisch in einem Klima fruchtbar zu machen, das dem Pragmatismus günstig ist.
 
FEST und FIPH haben die institutionellen Voraussetzungen geschaffen, um in diesem Sinne die pragmatistische Forschung in Deutschland über die Grenzen
eines Schulzusammenhanges hinaus zu beleben. Zu diesem Zweck orienterte sich die Arbeitsgruppe an einem gleichermaßen pragmatistisch einschlägigen und inklusiven Thema, das gute Voraussetzungen dafür bietet, die unterschiedlichen Forschungsinteressen in den genannten Disziplinen miteinander zu einem gemeinsamen Projekt zu verbinden.
 
Das Thema „Demokratie als Lebensform. Einsichten des Pragmatismus“ birgt eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten für die Pragmatismusforschung, auch über die Philosophie hinaus. Es erfordert zugleich den Bezug zu den Klassikern, reicht aber systematisch über ihn hinaus. Zweierlei ist in ihm impliziert: dass a) der klassische Pragmatismus eine philosophische, durchaus auch weltanschauliche Reflexionsgestalt des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses ist, die mit guten Gründen als demokratisch bezeichnet werden kann, sowie b), dass dem Pragmatismus auch geltungslogisch demokratietheoretische Anstöße entnommen
werden können.
 
Mit dem Begriff der ‚Lebensform‘ sollte deutlich werden, dass diese Anstöße sich nicht auf das klassische Metier der Politik beschränken. Es wurde in den Diskussionen herausgearbeitet, was vorstaatliche und vorpolitische Bestimmungsfaktoren für die Ausbildung der Grammatik einer demokratischen Lebensform, d.h. einer der Demokratie als politischer Herrschaftsform förderlichen Lebensform sind. Pragmatisten denken über Erfahrung und Wissen, über Ontogenese und Bildung, Schönheit und Kunst, Religion, Natur und Freiheit in einer Weise nach, als seien diese Begriffe immer im Blick auf die stillschweigende Frage bestimmt worden, wie sie beschaffen sein müssten, damit das durch sie Bezeichnete in einem sozialen Gemeinwesen einen Ort hat, das als demokratisch
charakterisiert werden kann. Der Arbeitskreis gestaltete zu seinem Thema ein Panel im Rahmen der dreijährig stattfindenden European Pragmatism Conference, die dieses Jahr vom Nordic Pragmatism Network in Helsinki veranstaltet wurde. Mit der Publikation der Beiträge des Panels sowie weiterer thematisch einschlägiger Aufsätze von Teilnehmern des Arbeitskreises wird die gemeinsame Arbeit der letzten zweieinhalb Jahre beendet.
 
In der Abschlusssitzung des Arbeitskreises, in der Prof. Philip Kitcher, Inhaber des John Dewey - Lehrstuhls der Columbia University, zu Gast war, wurde als Plattform der Vernetzung deutschsprachiger Pragmatismusforschung das GermanPragmatismNetwork gegründet, das in die European Pragmatism Association aufgenommen worden ist. Über das Netzwerk informiert die Homepage des Netzwerks gerprag.net.