Der Geschmack der Heimat: Nahrung und Umgebung im Bioregionalismus

Quelle: Thomas Kirchhoff

Quelle: Ruth Hartnaub, Wikimedia Commons, CC BY 2.0 Deed
Heimat erfährt seit mehreren Jahren eine Renaissance. Gedeutet wird diese Heimat-Renaissance in den Wissenschaften weitgehend übereinstimmend als Reaktion insbesondere auf Modernisierungs- und Globalisierungsprozesse, die zu beschleunigten Veränderungen der vertrauten Lebenswelt führen, grundlegende Veränderungen in der persönlichen Lebensgestaltung erfordern und Gefühle eines „disembedding“ (Anthony Giddens) hervorrufen können. Darauf reagieren offenbar viele Menschen mit einer Sehnsucht nach einer begrenzten, vertrauten und kontrollierbaren Lebenswelt, für die in vielen Fällen „Heimat“ steht – deren Verlust empfunden oder befürchtet wird, wobei dieser Verlust häufig auf das Eindringen oder Wirksamwerden von ganz unterschiedlich bestimmtem Fremdem zurückgeführt wird.
Weitgehend unbestritten und empirisch gut belegt ist, dass soziale Faktoren wie Familie, Freunde und Nachbarn sowie kulturelle Faktoren wie Sprache, Dialekt, Musik und Bräuche wesentliche Voraussetzungen für Heimatgefühle sind. Umstritten und kaum erforscht ist jedoch, welche Bedeutung die natürliche Umgebung für Heimatgefühle hat. Ein Zusammenhang zwischen Heimat und Natur, Land, Landschaft, terroir usw. wird zwar häufig behauptet, ist bisher jedoch nicht systematisch erforscht worden. Das Projekt soll dazu beitragen, diese Forschungslücke zu schließen. Mit dem Projekt wird die aktuelle Sehnsucht nach Heimat(gefühlen) ernst genommen und zugleich eine Grundlage dafür geschaffen, politisch problematische Verbindungen von Heimat und Natur zu identifizieren.
Das laufende Projekt fokussiert auf den Bioregionalismus, der in den 1970er Jahren im Westen der USA entstanden, aber weltweite Verbreitung gefunden hat. Die zentrale Idee sowie umwelt- und gesellschaftspolitische Forderung des Bioregionalismus ist, dass menschliche Gesellschaften und deren Naturbeziehungen weder gemäß universeller Prinzipien, menschlicher Vernunft, Ökonomie usw. noch zentralistisch mit abstrakten Grenzen organisiert werden dürfen, sondern dezentral in Abhängigkeit von den je besonderen natürlichen Bedingungen, den sogenannten Bioregionen der Erde. Der Bioregionalismus beinhaltet die zukunftsbezogene Imagination einer intrinsischen Verbundenheit der Menschen mit der Bioregion, in der sie leben („sense of place“). Als Referenz dafür fungiert zumeist die angenommene Naturverbundenheit indigener Gemeinschaften, deren Existenz durch kapitalistische Vergesellschaftung zerstört wurde. Allen Menschen wird die Fähigkeit zu einer solchen Naturverbundenheit zugeschrieben, die auch bei naturentfremdet in Städten lebenden Menschen als spirituelles Potenzial präsent sei und durch die alltägliche Praxis und sinnliche Erfahrung eines Lebens in einer Bioregion („living in place“) entfaltet werden könne. Häufig wird dafür Nahrungsbeziehungen zur umgebenden Natur eine besondere Bedeutung zugeschrieben.
Im Projekt soll untersucht werden, welche Bedeutung in der Theorie bzw. in der Praxis – je nach Variante des Bioregionalismus – Nahrungsbeziehungen zur natürlichen regionalen Umgebung dafür haben, dass Menschen emotionale Beziehungen zu ihrer Bioregion entwickeln und damit Gefühle von Beheimatung ausbilden. Dabei wird vor allem der gemeinschaftliche Anbau von Nahrungsmitteln, aber auch deren Verarbeitung und Konsum untersucht.
Das Projekt ist Bestandteil des SFB-Teilprojekts „Der Geschmack der Heimat: Nahrung und Umgebung im Bioregionalismus und im ländlichen Südostasien“, das Thomas Kirchhoff zusammen mit dem Ethnologen Prof. Dr. Guido Sprenger, Institut für Ethnologie der Universität Heidelberg, im Rahmen des SFB-Antrags „Heimat(en). Phänomene – Praktiken – Darstellungen“ der Universität Heidelberg beantragt hat.
Der SFB-Antrag wurde in der ersten Begutachtungsphase durch die DFG positiv bewertet. Im Dezember 2023 wurde der Vollantrag für den SFB bei der DFG eingereicht. Im Mai 2024 wurde die 1. Förderperiode des SFB 1671: Heimat(en) mit einer Laufzeit von 45 Monaten bewilligt.
Ansprechpartner
PD Dr. Thomas Kirchhoff

Wissenschaftlicher Referent Arbeitsbereich "Theologie und Naturwissenschaft"
